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3.6.c:„Intimität und Offenheit", ein besonderes Verständnis des Da-seins anhand der Ver­flech­tung von Heideggers Gedankenwelt und eines Lebensereignisses wie die Indien­reise von Medard Boss.

 

Übersetzung : Frau Salome Hangartner

Ort & Datum :

Universität Wien, 17. Januar 2014

 

Thema : 

„Intimität und Offenheit", ein besonderes Verständnis des Da-seins anhand der Ver­flech­tung von Heideggers Gedankenwelt und eines Lebensereignisses wie die Indien­reise von Medard Boss.

 

Im vergangenen August war ich bei einer Kremation in Pashupatinah zugegen. Ein sehr eindrückliches Erlebnis, das mich an die Indien-Reise von Medard Boss und Heideggers „Sein zum Tode” erinnerte. Daseinsanalytiker zu werden beinhaltet mehr als die entsprechende Ausbildung oder Wissen, nämlich eine tiefgehende Erfahrung der Existentialia. Aus diesem Blickwinkel wollen wir zwei Schlüsselbegriffe der Psychotherapie betrachten: Intimität und Offenheit.

 

Schlüsselworte :

 

Gefahr des Gestells, Technologie und extreme Rationalisierung – Aufenthalt und das Geviert – Aufruf zu denken, was gedenkt werden muss: die dreifache existentiale Besorgnis um das „Sein - Seiende - Nichts” potentialisiert (verstärkt)  durch Transzendenz – Daseinsanalysis: ein nie endender Weg zu Aletheia als Unverborgenheit (Richtigkeit-correctness ó Übereinstimmung-agreement ó Entdecktheit-discovery ó Unverborgenheit-unconcealment ó Erschlossenheit-disclosedness ó Lichtung-clearing)[1]. Daseinsanalyse und Dialog. 

 

Vortrag :

 

„Zeitlichkeit und Psychotherapie” wird heute zur entscheidenden Frage. Was in den dreissiger Jahren entstand, entwickelt sich immer noch weiter und infiltriert still und leise unsere Glaubens- und Seinsformen. Was Husserl, Heidegger, Arendt, Patočka in unserem Bewusstsein zu erwecken suchten, ist in unserer Gesellschaft lebendiger denn je, gleichzeitig aber auch versteckter als je zuvor durch die Kraft der Unterhaltung und die Illusion des Wohlbefindens (Wellness). 

 

In seinem letzten Buch: „Die Krise der europäischen Wissenschaft und die trans­zendentale Phänomenologie“, 1935 geschrieben, beleuchtet Husserl die wissenschaftlichen Exzesse, deren Positivismus und Objektivismus die Natur mathematisieren – den Menschen mit eingeschlossen – um sie zu einem abstrakten „Objekt” zu machen, das von universellen Gesetzen gesteuert wird, und das von der sensiblen und individuellen Mannigfaltigkeit getrennt ist. Er kritisiert den Abgrund, der die wissenschaftliche Forschung von einem metaphysischen Ansatz trennt, was auch die Krise der menschlichen Werte mit einschliesst. Er war auch imstande, die Katastrophe des deutschen politischen Anspruchs vorauszusehen, der – in den Worten von Hannah Arendt – „einen Abgrund öffnen würde. Dort geschah etwas, mit dem wir uns nicht versöhnen können.”[2]

 

Heidegger hört nie auf, uns vor der dauernd fortschreitenden Technik zu warnen, die in all unser Tun hineingreift, wobei er dachte, dies sei eine derart alles durchdringende Haltung, dass der Mensch die „Einschliessung“ im Gestell, die Gefahr des Bereichs berechenbarer und manipulierbarer Wesenheiten, die uns vom Wesentlichen entfernen, nicht einmal mehr spürt: „Das Dasein existiert als ein Seiendes, dem es in seinem Sein um dieses selbst geht.”[3] Bitte, verstehen Sie Heideggers Kritik nicht falsch. Es handelt sich dabei nicht um eine Kritik eines besonderen Aspekts der Technik. Wonach er sucht, ist der Gedanke, dass das Wesentliche der Technik zu verstehen ist als etwas, das zum Hervorbringen gehört ..., als schicksalhaftes Offenlegen ...  und das sich als Gestell offenbart.”[4] Die grösste Gefahr dieses Gestells ist, dass der Mensch selbst, insofern als alles in das Gestell der Wissenschaft eingefügt wird, zu einem Teil des Puzzles wird und „als Bestandteil, als verfügbares Hilfsmittel oder Ausführen­der dazu gehört.”[5] Die Gefahr dabei ist, dass unsere Art des Mitseins mit der Natur als Herr und Herrscher gesehen wird, wobei die Natur als „stehende Reserve“ gesehen wird, und so wie wir die Technik anwenden und missbrauchen und die Erde verarmen lassen, blockiert dies andere Weisen des Erschliessens, und verschliesst uns so den Zugang zu allem anderen, was die Dinge auch sind, den Zugang zu uns selbst, wodurch wir mit unserem eigenen, ureigensten Wesen in eine falsche Beziehung treten.

 

In Anlehnung an Heidegger unterstreicht Patočka[6] dass die Wissenschaft als Bereich der Rationalität unser Verständnis der Welt beeinflusst, die wir als eine Ansammlung von Dingen sehen, und wir glauben, einen Ausweg aus der Krise zu finden, indem wir „immer neue Technologien entwickeln”. Die Wurzel des Übels ist nicht gesellschaftlicher oder politischer, sondern zivilisatorischer Art. Unsere Zivilisation schafft die wesentliche Verbindung zum Sein, zur Transzendenz ab, wodurch die Seele des Menschen in Gefahr gerät, die Seele, die vom Philosophen als ethisches Prinzip, als Sorge um die Welt und die Wahrheit verstanden wird. Patočka nennt dies eine Superzivilisation, die zur „Objektivierung, Automatisierung und Rationalisierung der Gesellschaft“ führt, denn dieser Durchbruch ereignete sich zum ersten Mal im Westen und breitete sich dann über die ganze Welt aus. Keine Alternative mehr. Was die Welt bewegt, ist ein zunehmender Wille zur Macht, des Beherrschens, der

Ausbeutung der Natur, der alle Seienden in Ware verwandelt und den Menschen in einen Sklaven des Konsums.

 

Unsere Einstellung den Dingen gegenüber kehrte das frühere Gefühl der offenen „Gänze“ vollständig um und transzendiert die Teile zu etwas Neuem, was vom tschechischen Denker als ein reines Nebeneinander von Teilen gesehen wird, das geschlossen ist und die Offenheit ausschliesst.

 

Mehr den je bestimmen materielle Bedingungen unser Wohlbefinden und werden zum Kern der Besorgnis unserer Gesellschaft während spirituelle Überlegungen über das Sein oder Infragestellungen des Seins in die persönliche Sphäre verwiesen werden oder sie werden, noch radikaler, gesehen als „reine Ausflüchte, die man irgendwie braucht, aber mit denen man sich nicht allzu intensiv befassen sollte, denn das wäre Philosophie”[7].

 

Wie können wir uns die Zukunft der Daseinsanalyse in dieser Zeit der Verwüstung vorstellen?

 

Daseinsanalyse ist nicht nur eine Therapieform unter anderen. Sie verlangt von uns, genauso wie von den Pionieren – Binswanger, Boss, Condrau – ein eigenartiges Gefühl, dass uns etwas fehlt, dass das, was wir gelernt haben, dieses vielversprechende wissenschaftliche System von Ursachen und Instrumenten, uns in die Irre führt und allzu oft hilflos erscheint in Bezug auf psychische Störungen und menschliches Leid. Nicht nur der Patient, sondern auch wir Therapeuten warten auf etwas ... das noch nicht fassbar ist. Binswanger fand es in der Lektüre von „Sein und Zeit“. Boss war über vierzig Jahre alt, als er Heidegger entdeckte und in seinen Fünfzigern, als er in einer anderen Kultur – Indien – „wohnte“ und er erinnert sich, angeregt durch die Antwort eines Astronomen, wie Jung und Freud Heraklits These der Identität der Gegensätze folgten. Er ging nach Indien, weil „es für ihn wichtig war, die geistigen Grundlagen der Psychologie und der Medizin zu stärken und seine Kenntnisse des Menschen auszuloten und zu stärken. Es war für ihn entscheidend wichtig, bessere und richtigere Ideen darüber zu entdecken, was der Mensch von Natur aus und was seine Bestimmung ist. Keine Medizin, und noch weniger eine Seelenmedizin, kommt ohne Philosophie aus.”[8]  

 

Seit Plato und Aristoteles hat das Prinzip des Nicht-Widerspruchs unser westliches Denken verarmt. Wir werden immer mehr umnachtet durch die Vorherrschaft des abgedroschenen Logos, logoV - Verstand hin zu einem kitschigen muqoV[9]. Kein Raum mehr für Fantasie, Kreativität, Offenheit in der Forschung. Alles muss in einem wissenschaftlichen Rahmen validiert und als ein ins statistische Verständnis eingebettetes Objekt reifiziert (vergegen­ständlicht) werden. Unsere Fähigkeit, Seienden gegenüber offen zu sein durch „den Sprung ins Sein“[10] wird unvermeidlich abgestumpft. Wir haben die echte Beziehung zum Wesen der Wissenschaft verloren, die im Fragwürdigen verbleiben muss. Im Fragen liegt der stürmische Fortschritt, der ‚Ja‘ sagt zu dem, was noch nicht gemeistert wird und der sich weitet, hinaus in denkwürdige, noch unerforschte Bereiche.

 

Was hier herrscht, ist etwas, das sich selbst übertrifft, hinaus in etwas über uns.”[11] Denn die Wissenschaft lässt sich nicht von der Philosophie trennen; beide müssen erneut die Frage nach der Dinglichkeit stellen. Wenn das Ding, über das wir nachdenken wollen, der Mensch ist – was die Psychotherapie verlangt – dann erfordert unsere Position mehr denn je, dass wir in Demut „bei dem Erscheinenden verweilen“.

 

Wohnen, verweilen, gehört zum Wesentlichen der Psychotherapie. Doch was bedeutet wohnen? „Zu wohnen, zufrieden zu sein bedeutet innerhalb des Freien, des Bewahrten, des freien Raumes, der jedes Ding im Wesen bewahrt, in Frieden zu verweilen.”[12] Durch das Wohnen, das da-sein, offen stehen für Offenheit impliziert, stimmt sich der Mensch auf seine eigene Entfaltung-Erschliessung ein und durch dieses „als-Mensch-in-der-Welt-sein“ verbleibt er im Geviert, oder besser noch, gemäss Heidegger: „Eins der vier.“ Es ist nicht leicht zu verstehen, was zu überdenken uns Heidegger einlädt und es ausserdem als entscheidende Frage für einen Therapeuten zu begreifen. Tatsächlich wird sich der Mensch durch das Wohnen, durch die gegenseitige Resonanz bewusst, dass er als Sterblicher auf dieser Erde lebt, doch gleichzeitig auch unter dem Himmel, dem Reich des Göttlichen. Über das Prinzip des Nicht-Widersprüchlichen hinaus, indem wir den östlichen Gedanken der Harmonisierung ausdehnen, indem wir in der Welt wohnen, werden wir zum Garanten dieser grundlegenden Spannung zwischen Himmel und Erde, Sterblichen und Göttern, aus der ein „Zwischen“ hervorgeht, die authentischen Aufenthaltsorte der Menschen.

 

 

Dies scheint uns allen sehr theoretisch, an der Grenze des Verständlichen, doch es scheint offensichtlich, wenn man es erleben kann, so wie Boss auf seiner Indienreise.

 

Es war auf dem Weg … als Mitreisender, dass Boss wirklich einem indischen Meister begegnen konnte. Er schloss sich ihm an auf der Strasse zum Kloster Durga, der Göttin der Zerstörung, auf dem Lande, wo er ein paar Tage mit ihm wohnte. „Wenn jemand wirklich seinen Mitmenschen helfen will, sich wirklich um sie sorgt, so muss er zuerst darüber nachdenken, was ein Mensch in seinem eigentlichen Wesen ist, wie er ist und weshalb er existiert. ”[13] Er wohnt auch in einer Höhle in der Nähe/Ferne eines Einsiedlers. All diese Erfahrungen erschliessen Zeit und Raum, so dass sie zum eigentlichen orismoV, dem Horizont werden, wo der Mensch zum Menschen wird, Da-sein.

 

 

Im vergangenen August brachte ich einen 22-jährigen Patienten, einen Studenten, nach Nepal ind er Hoffnung, ein kultureller Durchbruch könnte seinen Geist öffnen. Das Ergebnis überstieg meine wildesten Träume. Eines Tages besuchten wir den Hindutempel von Pashupatinah, ein unglaublicher Ort zwischen Himmel und Erde, Sterblichen und Göttern.

 

Am Ufer lag ein Leichnam, in ein Leichentuch gewickelt, barfuss, auf dem Rücken. Während fünfundvierzig Minuten konnten wir an einem der intimsten Rituale teilnehmen, bei dem ein Leib zu Asche wurde, ein erstaunlicher Augenblick, bei dem ich das „Sein-zum-Tode“, meine eigene Endlichkeit höchst intensiv erlebte. “ Der Verstorbene, im Unterschied zum Gestorbenen, ist von den Hinterbliebenen weggerissen worden und ist das Objekt ihrer „Sorge“ bei den Begräbnisritualen. ... In diesem Mit-dem-Toten-sein ist der Verstorbene nicht mehr tatsächlich anwesend. Doch wenn wir von „Mitsein“ sprechen, stellen wir uns immer ein Miteinander-in-der-gleichen-Welt-sein vor.”[14] Ja, tatsächlich. Obschon wir Fremde, Ausländer waren, konnten wir irgendwie die „Stimmung” teilen, so dass die Erschlossenheit geschieht … „Die Erschlossenheit des Seins kontrastiert mit der Entdeckung der Seienden.”

 

 

In Nepal mussten wir dem Toten in seiner Einfachheit entgegentreten. Während der ganzen Dauer der Rituale herrschte ein alles durchdringendes Gefühl der „Vergangenheit”, des Vergangenseins, und ein seltsames Gefühl des Zusammengehörens und der Gewesenheit, des Gewesenseins, vergangenen Lebens. Irgendwie erleben wir das „Geviert”, die gegenseitige Resonanz der Erde, des Himmels, der Sterblichen und der Göttlichen, ein Zusammenfinden wie in einer „Fuge”, die Anwesenheiten und Abwesenheiten in einer Bewegung, einem Sonatensatz zusammenfügt, ein Ereignis, das „die Beziehungen der Götter mit den Menschen zusammenfügt und die Beziehung zum Heiligen schafft.”[15] Mit Sicherheit ruft uns dieses unerwartete Erlebnis – wie viele Dinge – auf, „darüber nachzudenken, uns ihm im Denken zuzuwenden: es zu denken.”[16]

 

Was soll gedacht werden? Gerade das, was weniger gedacht wird, die Verflechtungen von Seienden mit dem Sein. Das Sein selbst als das aneignende Ereignis und dass „Dasein als Seiendes existiert für das in seinem Sein das Sein selbst ein Thema ist,“ und dass dieses Thema einer der Ecksteine der Daseinsanalyse ist. Denn es muss geleibt werden. Was soll gedacht werden? Das Denken selbst! Echtes Denken ist kontemplativ; es lässt die Dinge sein und sucht nicht danach, was wir mit ihnen tun können, wie wir sie willentlich benutzen können. Was soll gedacht werden? Die unvermeidliche Gegenwart des Nichts. Wie Aristoteles es für das Sein gezeigt hat, müssen wir uns um die verschiedenen Bedeutungen und Ebenen des „Nichts“ sorgen.

 

Da-sein bedeutet: ins Nichts hinaus gehalten werden … Indem es sich selbst hinaus ins Nichts hält, ist Dasein je bereits jenseits der Seienden als Ganzes. Dieses jenseits-der-Seienden-sein nennen wir Transzendenz.”[17]

 

Da” könnte dieses „Zwischen“ bezeichnen, das gespannt ist durch das grundlegende Zusam­menspiel von „Sein“ – „Seiende“ – „Nichts-Nihilisierung“, potentialisiert durch Trans­zendenz, was nicht mit Nihilismus verwechselt werden darf. Es verursacht ziemliche Angstzustände, in diesem „Zwischen“ zu wohnen; in den meisten Fällen entflieht der Mensch in die normalen Formen des Alltagslebens, was Heidegger die „Verfallung“ nennt, er verfällt. Es ist noch viel beängstigender, dass der Mensch unter einem Mangel an Transzendenz leidet, dem Gefühl, im Stande zu sein, über die Faktizität (feststellbare Wirklichkeit) hinaus zu gehen, wie hart auch immer die Gegebenheit sein mag.  

 

So lange man sich diesem Nachdenken verweigert, zieht man sich zurück – die jeweilige  Wahrnehmung der Welt – von der „Unverborgenheit“ die in jeder „Wahrheits“-bestimmung vorausgesetzt wird. „Nur dort, wo Unverborgenheit bereits vorherrscht, kann etwas aussprechbar, sichtbar, zeigbar, wahrnehmbar werden.”[18] Wir können unser In-der-Welt-sein nicht „verstehen“, wenn wir nicht auf diese dreifache „Offenheit“ als alhqeia eingestimmt sind. Die erste ist die Unverdecktheit, die Entdecktheit der Seienden. Wir können ein Seiendes sehen, verstehen, brauchen, weil es unverborgen ist. Das ist ein ontisches Manifestieren ... das gemäss einem stimmungsmässigen und instinktiven Sich-selbst-finden mitten unter Seienden geschieht.”[19] Dieses alltägliche sich befassen mit innerweltlichen Seienden ist die primäre, und oft die einzige, Methode, die Welt zu ent-decken. Der weitere Schritt ist die Unverborgenheit des Seins. Tatsächlich gründet die ontische Wahrheit in der ontologischen. Die Unverborgenheit des Seins impliziert die Erschlossenheit des Daseins, das sich gemäss Heidegger durch Befindlichkeit, Verstehen und Rede konstituiert, und gleichursprünglich zur Welt gehört, zum In-sein, und zum Selbst.”[20] So lange wir ein Seiendes in dem einrahmen, wozu es nützlich sein oder in unsere eigene Perspektive passen könnte, öffnen wir uns nicht für das Wesentliche dieses Seienden, das sich auf das Sein dieses Seienden und das Sein an sich bezieht. Die Erschlossenheit des Seins besteht darin, dass wir der Welt gegenüber auf bestimmte Weise befindlich sind. Von „Sein und Zeit ” bis „Der Ursprung des Kunstwerkes” überdenkt Heidegger den Raum, so dass das Werkzeug nicht mehr nur ein nützlicher Gegenstand ist. Dienlichkeit und Nützlichkeit sind jetzt in einen grösseren Kontext der Verläßlichkeit eingebracht (was die reine Dienlichkeit übertrifft, indem es zu einer Beziehung zum Unbekannten tendiert). Heidegger nennt diese neue Perspektive in der Welt „Erde”, der Schlüssel zu einem Strahlendenken, eine exzessive und grundlose Phänomenalität, ein Erscheinen, das nicht mehr an eine Trägersubstanz gebunden ist.

 

Es ist Zeit, zum dritten Sichentfalten zu springen[21], zur grundlegendsten und enigmatischen – ja sogar esoterischen – Form der Unverborgenheit, die durch die „Lichtung” gewährt wird.

 

Es wäre grossartig, wenn ich Ihnen den ganzen Text des „Welche Aufgabe dem Denken am Ende der Philosophie vorbehalten bleibt“ vorlesen könnte – einer der schwierigsten, grund­legendsten Texte Heideggers,[22] ein Text, der als gemeinsamer Pfad zum Denken verstanden wird. Es könnte ja wesentlich sein, Zeit für die „Gelassenheit” zu öffnen, „Dinge sein zu lassen”, „Gleichmut den Dingen gegenüber”, „Offenheit dem Mysterium gegenüber“, das in der technischen Welt verborgen ist; Zeit, sich von der Vorherrschaft rechnerischen Denkens loszureissen. Ist es möglich, der Lichtung ohne Selbsterschlossenheit näher zu kommen?

 

Der Heideggersche Weg bleibt ein Pfad des „Seins“ und des „Denkens“, der jeden Horizont der Verständlichkeit aufgräbt. Was vorgebracht werden muss, ist der „Ort“ wo der Gedanke „Sein“ denken kann, ein Übergang vom spekulativen Denken zum Weg des Denkens. Dieser Ort ist kein geographischer Ort und wird gelebt als „Offenheit, die Mögliches erscheinen lässt und „Lichtung“ zeigt, ein „freier Raum, eine freie Lichtung, was das Denken als Urphänomen ist, als prima mater (Ursache).”[23] Lichtung hat nichts mit Licht zu tun, obschon „Licht in die Lichtung, in deren Offenheit strömen kann und die Helligkeit mit der Dunkelheit darin spielen lässt … Licht schafft nie zuerst die Lichtung. Doch dieser offene Bereich ist frei für Helligkeit und Dunkelheit, für Resonanz und Echo, für Klang und verhallenden Klang.”[24] Könnten wir vielleicht behaupten, dass dieser Ort zur Meditation, dem meditativen Menschen gehört? Ein Ort als Im-Zwischen, wo Unverborgenheit möglich wird, „ein Ort der Stille, der in sich selbst sammelt, was zuerst Unverborgenheit beschert ... Das stille Herz der Lichtung ist der Ort der Stille aus dem alleine sich die Möglichkeit des Zusammengehörens von Sein und Denken ergibt, das heisst, es überhaupt zu Gegenwart und Erfassen kommen kann.”[25]

 

Was ich damit untermauern möchte, ist, dass der Heideggersche Weg des Denkens über „Sein und Zeit“ hinaus die Grundlagen des Menschseins derart tief ergründet, dass der eingeweihte Therapeut eine gewandelte Perspektive erlebt, die sein Verständnis der Psychotherapie oder Medizin grundlegend verändert. Um Daseinsanalytiker zu werden, ist nicht nur eine neue Ausbildung erforderlich, die einem neue Instrumente oder Konzepte vermittelt, sondern auch eine neue Grundlage für den allgemeinen Hintergrund (Medizin, Psychologie, ...). Wenn Medard Boss schreibt: „In Heideggers Daseinsanalytik  bezieht sich das Wohnen auf die menschliche Existenz als Wohnen-in-der-Welt, was etwas ganz anderes ist als eine materielle Anwesenheit. Es ist vielmehr des Menschen ek-statisches Verweilen, sein Existieren in der Offenheit eines gelichteten irdischen Bereichs.”[26], es ist mehr als ein Anspruch; der Mensch teilt einen der Schritte, der ihn dazu bringt zu verstehen, dass jede organische Krankheit das In-der-Welt-sein des Patienten schwächen kann, oder dass „die traditionellen somato- und psychopathologischen Erklärungen keinen Zugang zur menschlichen Existenz als Bereich der Welt-Offenheit erhalten können.”[27]

 

Die Begegnung mit Heidegger oder seine Indienreise verändern das Leben von Medard Boss, seine Denk- und Arbeitsweise und sein Verständnis. Jene existentiellen Ereignisse sind entscheidend wichtig für die Menschen, die durch die Daseinsanalyse leiben wollen.

 

Was ich entfalten möchte, ist dass die Daseinsanalyse als Psychotherapie bedeutet, dass man das Leben erfährt, dass man denkt, dass man auf einem nie endenden Weg zur alhqeia als Unverborgenheit geht, was eine Verflechtung von Jemeinigkeit und  Miteinandersein bedeutet, von Stille und Gesprächen, von einer Konstitution des Sinns und epoch[28], von Licht und Dunkelheit. Man kann es nicht als irgend einer tun, ein „Bossianer“ oder Binswangerianer werden; es gibt keine Methode, es zu tun. Jeder Daseinsanalytiker eröffnet einen einzigartigen, dynamischen und historischen Therapiehorizont wo eine „Begegnung“ möglich ist. Heute, 35 Jahre nach meiner ersten Lektüre von Sein und Zeit, stellt meine Praxis  jenes grundlegende, existentielle Wechselspiel der Menschheit von „Sein“ – „Seienden“ – „Nichts-Nihilation“  potentialisiert durch Transzendenz in Frage[29]. Transzen­denz ist unsere Fähigkeit, über das, was uns gegeben wird hinaus zu gehen, als Substantialiät, die uns von dem, was wir sind, entfernt, insbesondere dem, das wir nicht sind zu dem, was wir sein müssen. Die Transzendenz reisst uns aus dem Alltagsleben weg, um uns ins Unbekannte zu werfen, ins „Wo“ der Ermöglichung. Durch die Transzendenz, die eine Resonanz mit dem Geviert beinhaltet, harmonisiert das Da-sein diese dreifache, unvermeidbare Sorge. In Französisch nenne ich diesen offenen Lebensstil „l’entre-trois existential” was sich nicht ins Englische übersetzen lässt (Deutsch vielleicht: „das existentiale zwischen dreien“). Ein Verlust des Gleichgewichts schliesst den Menschen in einem von den dreien ein, wodurch Leiden entsteht und eine veränderte Beziehung unseres In-der-Welt-seins. Zum Beispiel: Käuflichkeit (Seiende), Mystik (Sein) oder Nihilismus, Depression (Nichts-Nihilierung). Heute verstehe ich die Daseinsanalyse als einen Ort, einen freien Raum, wo der Patient durch eine Begegnung und einen echten Dialog[30], diese dreifache Sorge, sein Leben ins Gleichgewicht bringen kann. Durch die richtige Frage, die erschliesst, offenlegt, kommt der Dialog von selbst in Gang, er gewinnt Autonomie. Das Gespräch ist eine Art des Mit-seins, des Miteinander-seins, die vollständig anders ist, als der Dialog, der durch reine Kommunikation erstellt wird. Das Fragen zielt auf keine Information ab. Statt dessen stellt die Frage den Befragten selbst in Frage. Der Fragende und der Befragte gehört zu einer Gemeinsamkeit aus der heraus die Frage gestellt wird. Dieses innerste intime Wechselspiel von Fragen und Antworten erfordert Stille, Offenheit, Zuhören, Verständnis, Gestimmtheit. Der Dialog ist der Zeuge des Miteinander-seins, er nimmt teil an der Erschlossenheit des Da-seins, Erschlossenheit, „die der ontologische Terminus ist für das Gelichtet- und Geklärtsein des Daseins in sich selbst ... eine grundlegende Offenheit.”[31]

 

Die Wirkung von Heideggers Denken auf die Psychotherapie – jedenfalls für jene, die sich in die Gedanken des Philosophen vertiefen – ist derart abgründig, dass ein Leben nicht ausreicht, dessen Reichtum zu erforschen. In dieser Zeit des Zerfalls und der Verzweiflung ist Heideggers Weg nötiger denn je, und dies umso mehr als unsere Zeit die Frage des Seins nicht mehr stellt und die Menschheit in den Illusionen der Seienden ohne jedes Gleichgewicht  lässt.

 

Wir müssen beide Seiten des modernen Denkens betrachten – auf der einen Seite die konkrete, affektive Seite des empfundenen Erlebens, eine prälogische, präkonzeptuelle Erfahrung, und andererseits die andere: Pragmatismus, Positivismus, logische und empirische Anforderungen der Wissenschaft und des Sinns – ohne sie notwendigerweise als Gegensätze einander gegenüber zu stellen, sondern zu versuchen, sie zu harmonisieren, um eine Art von „transzendentalem Gedritt-Zwischen“ hervorzubringen.

 

Es war der Zweck dieses Vortrags, die Tiefe der Wirkung von Heideggers Denken zu entfalten, und auf dem Weg kann der Therapeut den Kern, das Wesentliche seiner Praxis verstehen. Da-sein als In-der-Welt-sein lässt sich nicht auf ein Konzept, eine Formel oder einen Slogan reduzieren. Man muss darüber nachdenken, was „Raum ”[32] bedeutet, man muss diesen Raum spüren, was einen Bereich öffnet, um Leiber willkommen zu heissen[33], spüren, dass eine Grenze ‚nicht nur Umriss und Rahmen ist, nicht nur das, womit etwas aufhört. Grenze bedeutet, dass etwas in seine Eigenständigkeit gesammelt wird, um aus sich heraus in seiner Fülle herauszutreten, um in die Anwesenheit hervorzutreten. Die Grenze gibt das Ding endlos an die Welt.”[34] Wenn man die „Grenze“ als „Ende“ versteht, eröffnet man nicht die gleichen Möglichkeiten wie wenn man sie als Beginn versteht. Durch diese „enigmatische Beziehung treten wir ein in die Welt, in den Raum, die Erde, ein Bildwerk, dass man fühlt, dass etwas als Nahesein[35] oder Intimität geschieht, trotz des „anders-seins“, etwas wie „Leiblichkeit”, Leiblichkeit trotz Anwesenheit von Körpern, etwas wie „eine Begegnung“, trotz der Notwendigkeit einer Diagnose und herkömmlicher Behandlungm die statistische Ergebnisse hervorbringen.

 

Auf dem Weg mit Heidegger erwarten wir nicht, dass jeder Therapeut ein Philosoph wird, doch sollte er zumindest versuchen, über seine wissenschaftliche Ausbildung nachzu­denken, damit er „die technische Konstruktion des Menschen als Maschine“ entwirren (enträtseln) kann.”[36]

 

                                          


 



[1] : Alfred DENKER, Historical Dictionary of Heidegger’s philosophy, Scarecrow Press, 2000

[2] : Hannah ARENDT, Essays in Understanding 1930-1954, Kindle.

[3] : Martin HEIDEGGER, Being and Time, 1927, Blackwell, Translation Macquarrie & Robinson, 1962  S.406  „Das Dasein existiert als ein Seiendes, dem es in seinem Sein um dieses selbst geht.“

[4] : Martin HEIDEGGER, The question concerning technology, 1954, in Basic Writings, Harper Perennial, 2008, S. 318, 333 und 328.

[5] : Ibidem, S.335

[6] : J. PATOČKA, Heretical essays in the philosophy of History, Chicago and La Salle, Illinois, Open Court, 1996.

[7] : Martin HEIDEGGER, Modern Science, Metaphysics, and mathematics, 1962  in Basic Writings, Harper Perennial, 2008, S.272

[8] : Medard BOSS, Un psychiatre en Inde, Fayard, 1971, S. 113  Persönliche Übersetzung

[9] : “Mythos and logos become separated and opposed only at the point where neither mythos nor logos can keep to its pristine essence… “Martin Heidegger,  What calls for thinking ?, in Basic Writings, Harper Perennial, 2008, S. 374

[10] : Martin HEIDEGGER, Contributions to Philosophy (Of the Event), p.7 « The leap leaps into the abyss of the fissure and so for the first time attains the necessity of grounding Da-sein, which is assigned out of being”.

[11] : Ibidem, p. 7

[12] : Martin HEIDEGGER,  Building, Dwelling, Thinking, 1951,  in Basic Writings, Harper Perennial, 2008, p. 351

[13] : Medard BOSS, Op.cit., S. 136

[14] : Martin HEIDEGGER, Being and Time, Op.Cit., S. 282 ( 239)

[15] : Daniel O. DAHLSTROM,  The Heidegger Dictionary, 19, 2013, Bloomsbury Ed., Kindle,  -   Fit ( Fuge)

[16] : Martin HEIDEGGER,  What calls for thinking ?, in Basic Writings, Harper Perennial, 2008, S. 372

[17] : Martin HEIDEGGER, What is Metaphysics, in Basic Writings, Harper Perennial, 2008, S. 103

[18] : Mark. A. WRATHALL, Heidegger and Unconcealment : Truth, Language, and History, Cambridge, 2011 S. 7

[19] : Martin HEIDEGGER, Pathmarks, McNeill Ed, Cambridge University Press, 1998, S. 131

[20] : Martin HEIDEGGER, Being and Time, Op.Cit., S. 221

[21] : “ Leap” : The leap into that primordial experience leaps past talk of the “ontological difference”, “conditions of the possibility” and “transcendence” into the appropriation of Dasein which is the relation of Dasein and historical being.  Daniel O.DAHLSTROM, Op.Cit.

[22] : Martin HEIDEGGER, “Das Ende der Philosophie und die Aufgabe des Denkens” in On Time and Being (Pathmarks) or in “ Zur Sache des Denkens”. You can find it too in the Basic Writings, Op. Cit. S.431-449

[23] : Ibidem, S. 441-442

[24] : Ibid., S.442

[25] : Ibid, S. 445

[26] : Medard BOSS, Existential foundations of medicine & psychology , 1974 Jason Aronson Ed., 1994  S.130

[27] : Ibidem, S. 198

[28] : « We could now let the universal epochè take the place of the Cartesian attempt to doubt. Epochè in a word : We put out of action the general positing which belongs to the essence of the natural attitude, the whole natural world which is continually “there for us”, “on hand”… I’m not negating the world, I’m not doubting, rather I am exercising the phenomenological epochè which also completely shuts me off from any judgment about spatiotemporal factual being.” Edmund HUSSERL, Ideas I, 52-61 in Basic Writings in transcendantal phenomenology, Donn Welton Ed, Indiana University Press, 1999, p.65

[29] : “ Transcendence as being in itself is the difference from beings ! Transcendence is not a property of the subject ans of its relationship to an object as world, but the relationschip to being, thus of Da-sein in its relationship to being.” Martin HEIDEGGER, Zollikon Seminars, 1987, Northwestern University Press, 2001, p. 193 (241)

[30] : Heinrich ROMBACH, Uber Ursprung und Wesen der Frage“, Verlag Karl Alber, Freiburg – München, 1988, p.162-167

[31] : Alfred DENKER, Op.Cit., p.81

[32] : “ The human being makes space for himself. He allows space to be… the animal does not experience space as space.”  Martin HEIDEGGER, Zollikon Seminars, Op.cit., p.16

[33] : “Da-sein is not spatial because it is embodied. But its bodiliness is possible only because Da-sein is spatial in the sense of making room.” Ibidem, p. 81

[34] : Martin HEIDEGGER in « Heidegger among the sculptors, Body, Space and the Art of Dwelling », Andrew J. MITCHELL, Standford University Press, 2010 - Kindle or “ Remarques sur Art – Sculpture – Espace”, Rivage Poche, 2007, p.19

[35] : « I measure the distance between two bodies, not the depth opened up in each case by my being-in-the-world.” Martin HEIDEGGER, Zollikon Seminars, Op.Cit., p.82

[36] : Ibidem, p. 135

3.6.c:„Intimität und Offenheit", ein besonderes Verständnis des Da-seins anhand der Ver­flech­tung von Heideggers Gedankenwelt und eines Lebensereignisses wie die Indien­reise von Medard Boss.

 

Übersetzung : Frau Salome Hangartner

Ort & Datum :

Universität Wien, 17. Januar 2014

 

Thema : 

„Intimität und Offenheit", ein besonderes Verständnis des Da-seins anhand der Ver­flech­tung von Heideggers Gedankenwelt und eines Lebensereignisses wie die Indien­reise von Medard Boss.

 

Im vergangenen August war ich bei einer Kremation in Pashupatinah zugegen. Ein sehr eindrückliches Erlebnis, das mich an die Indien-Reise von Medard Boss und Heideggers „Sein zum Tode” erinnerte. Daseinsanalytiker zu werden beinhaltet mehr als die entsprechende Ausbildung oder Wissen, nämlich eine tiefgehende Erfahrung der Existentialia. Aus diesem Blickwinkel wollen wir zwei Schlüsselbegriffe der Psychotherapie betrachten: Intimität und Offenheit.

 

Schlüsselworte :

 

Gefahr des Gestells, Technologie und extreme Rationalisierung – Aufenthalt und das Geviert – Aufruf zu denken, was gedenkt werden muss: die dreifache existentiale Besorgnis um das „Sein - Seiende - Nichts” potentialisiert (verstärkt)  durch Transzendenz – Daseinsanalysis: ein nie endender Weg zu Aletheia als Unverborgenheit (Richtigkeit-correctness ó Übereinstimmung-agreement ó Entdecktheit-discovery ó Unverborgenheit-unconcealment ó Erschlossenheit-disclosedness ó Lichtung-clearing)[1]. Daseinsanalyse und Dialog. 

 

Vortrag :

 

„Zeitlichkeit und Psychotherapie” wird heute zur entscheidenden Frage. Was in den dreissiger Jahren entstand, entwickelt sich immer noch weiter und infiltriert still und leise unsere Glaubens- und Seinsformen. Was Husserl, Heidegger, Arendt, Patočka in unserem Bewusstsein zu erwecken suchten, ist in unserer Gesellschaft lebendiger denn je, gleichzeitig aber auch versteckter als je zuvor durch die Kraft der Unterhaltung und die Illusion des Wohlbefindens (Wellness). 

 

In seinem letzten Buch: „Die Krise der europäischen Wissenschaft und die trans­zendentale Phänomenologie“, 1935 geschrieben, beleuchtet Husserl die wissenschaftlichen Exzesse, deren Positivismus und Objektivismus die Natur mathematisieren – den Menschen mit eingeschlossen – um sie zu einem abstrakten „Objekt” zu machen, das von universellen Gesetzen gesteuert wird, und das von der sensiblen und individuellen Mannigfaltigkeit getrennt ist. Er kritisiert den Abgrund, der die wissenschaftliche Forschung von einem metaphysischen Ansatz trennt, was auch die Krise der menschlichen Werte mit einschliesst. Er war auch imstande, die Katastrophe des deutschen politischen Anspruchs vorauszusehen, der – in den Worten von Hannah Arendt – „einen Abgrund öffnen würde. Dort geschah etwas, mit dem wir uns nicht versöhnen können.”[2]

 

Heidegger hört nie auf, uns vor der dauernd fortschreitenden Technik zu warnen, die in all unser Tun hineingreift, wobei er dachte, dies sei eine derart alles durchdringende Haltung, dass der Mensch die „Einschliessung“ im Gestell, die Gefahr des Bereichs berechenbarer und manipulierbarer Wesenheiten, die uns vom Wesentlichen entfernen, nicht einmal mehr spürt: „Das Dasein existiert als ein Seiendes, dem es in seinem Sein um dieses selbst geht.”[3] Bitte, verstehen Sie Heideggers Kritik nicht falsch. Es handelt sich dabei nicht um eine Kritik eines besonderen Aspekts der Technik. Wonach er sucht, ist der Gedanke, dass das Wesentliche der Technik zu verstehen ist als etwas, das zum Hervorbringen gehört ..., als schicksalhaftes Offenlegen ...  und das sich als Gestell offenbart.”[4] Die grösste Gefahr dieses Gestells ist, dass der Mensch selbst, insofern als alles in das Gestell der Wissenschaft eingefügt wird, zu einem Teil des Puzzles wird und „als Bestandteil, als verfügbares Hilfsmittel oder Ausführen­der dazu gehört.”[5] Die Gefahr dabei ist, dass unsere Art des Mitseins mit der Natur als Herr und Herrscher gesehen wird, wobei die Natur als „stehende Reserve“ gesehen wird, und so wie wir die Technik anwenden und missbrauchen und die Erde verarmen lassen, blockiert dies andere Weisen des Erschliessens, und verschliesst uns so den Zugang zu allem anderen, was die Dinge auch sind, den Zugang zu uns selbst, wodurch wir mit unserem eigenen, ureigensten Wesen in eine falsche Beziehung treten.

 

In Anlehnung an Heidegger unterstreicht Patočka[6] dass die Wissenschaft als Bereich der Rationalität unser Verständnis der Welt beeinflusst, die wir als eine Ansammlung von Dingen sehen, und wir glauben, einen Ausweg aus der Krise zu finden, indem wir „immer neue Technologien entwickeln”. Die Wurzel des Übels ist nicht gesellschaftlicher oder politischer, sondern zivilisatorischer Art. Unsere Zivilisation schafft die wesentliche Verbindung zum Sein, zur Transzendenz ab, wodurch die Seele des Menschen in Gefahr gerät, die Seele, die vom Philosophen als ethisches Prinzip, als Sorge um die Welt und die Wahrheit verstanden wird. Patočka nennt dies eine Superzivilisation, die zur „Objektivierung, Automatisierung und Rationalisierung der Gesellschaft“ führt, denn dieser Durchbruch ereignete sich zum ersten Mal im Westen und breitete sich dann über die ganze Welt aus. Keine Alternative mehr. Was die Welt bewegt, ist ein zunehmender Wille zur Macht, des Beherrschens, der

Ausbeutung der Natur, der alle Seienden in Ware verwandelt und den Menschen in einen Sklaven des Konsums.

 

Unsere Einstellung den Dingen gegenüber kehrte das frühere Gefühl der offenen „Gänze“ vollständig um und transzendiert die Teile zu etwas Neuem, was vom tschechischen Denker als ein reines Nebeneinander von Teilen gesehen wird, das geschlossen ist und die Offenheit ausschliesst.

 

Mehr den je bestimmen materielle Bedingungen unser Wohlbefinden und werden zum Kern der Besorgnis unserer Gesellschaft während spirituelle Überlegungen über das Sein oder Infragestellungen des Seins in die persönliche Sphäre verwiesen werden oder sie werden, noch radikaler, gesehen als „reine Ausflüchte, die man irgendwie braucht, aber mit denen man sich nicht allzu intensiv befassen sollte, denn das wäre Philosophie”[7].

 

Wie können wir uns die Zukunft der Daseinsanalyse in dieser Zeit der Verwüstung vorstellen?

 

Daseinsanalyse ist nicht nur eine Therapieform unter anderen. Sie verlangt von uns, genauso wie von den Pionieren – Binswanger, Boss, Condrau – ein eigenartiges Gefühl, dass uns etwas fehlt, dass das, was wir gelernt haben, dieses vielversprechende wissenschaftliche System von Ursachen und Instrumenten, uns in die Irre führt und allzu oft hilflos erscheint in Bezug auf psychische Störungen und menschliches Leid. Nicht nur der Patient, sondern auch wir Therapeuten warten auf etwas ... das noch nicht fassbar ist. Binswanger fand es in der Lektüre von „Sein und Zeit“. Boss war über vierzig Jahre alt, als er Heidegger entdeckte und in seinen Fünfzigern, als er in einer anderen Kultur – Indien – „wohnte“ und er erinnert sich, angeregt durch die Antwort eines Astronomen, wie Jung und Freud Heraklits These der Identität der Gegensätze folgten. Er ging nach Indien, weil „es für ihn wichtig war, die geistigen Grundlagen der Psychologie und der Medizin zu stärken und seine Kenntnisse des Menschen auszuloten und zu stärken. Es war für ihn entscheidend wichtig, bessere und richtigere Ideen darüber zu entdecken, was der Mensch von Natur aus und was seine Bestimmung ist. Keine Medizin, und noch weniger eine Seelenmedizin, kommt ohne Philosophie aus.”[8]  

 

Seit Plato und Aristoteles hat das Prinzip des Nicht-Widerspruchs unser westliches Denken verarmt. Wir werden immer mehr umnachtet durch die Vorherrschaft des abgedroschenen Logos, logoV - Verstand hin zu einem kitschigen muqoV[9]. Kein Raum mehr für Fantasie, Kreativität, Offenheit in der Forschung. Alles muss in einem wissenschaftlichen Rahmen validiert und als ein ins statistische Verständnis eingebettetes Objekt reifiziert (vergegen­ständlicht) werden. Unsere Fähigkeit, Seienden gegenüber offen zu sein durch „den Sprung ins Sein“[10] wird unvermeidlich abgestumpft. Wir haben die echte Beziehung zum Wesen der Wissenschaft verloren, die im Fragwürdigen verbleiben muss. Im Fragen liegt der stürmische Fortschritt, der ‚Ja‘ sagt zu dem, was noch nicht gemeistert wird und der sich weitet, hinaus in denkwürdige, noch unerforschte Bereiche.

 

Was hier herrscht, ist etwas, das sich selbst übertrifft, hinaus in etwas über uns.”[11] Denn die Wissenschaft lässt sich nicht von der Philosophie trennen; beide müssen erneut die Frage nach der Dinglichkeit stellen. Wenn das Ding, über das wir nachdenken wollen, der Mensch ist – was die Psychotherapie verlangt – dann erfordert unsere Position mehr denn je, dass wir in Demut „bei dem Erscheinenden verweilen“.

 

Wohnen, verweilen, gehört zum Wesentlichen der Psychotherapie. Doch was bedeutet wohnen? „Zu wohnen, zufrieden zu sein bedeutet innerhalb des Freien, des Bewahrten, des freien Raumes, der jedes Ding im Wesen bewahrt, in Frieden zu verweilen.”[12] Durch das Wohnen, das da-sein, offen stehen für Offenheit impliziert, stimmt sich der Mensch auf seine eigene Entfaltung-Erschliessung ein und durch dieses „als-Mensch-in-der-Welt-sein“ verbleibt er im Geviert, oder besser noch, gemäss Heidegger: „Eins der vier.“ Es ist nicht leicht zu verstehen, was zu überdenken uns Heidegger einlädt und es ausserdem als entscheidende Frage für einen Therapeuten zu begreifen. Tatsächlich wird sich der Mensch durch das Wohnen, durch die gegenseitige Resonanz bewusst, dass er als Sterblicher auf dieser Erde lebt, doch gleichzeitig auch unter dem Himmel, dem Reich des Göttlichen. Über das Prinzip des Nicht-Widersprüchlichen hinaus, indem wir den östlichen Gedanken der Harmonisierung ausdehnen, indem wir in der Welt wohnen, werden wir zum Garanten dieser grundlegenden Spannung zwischen Himmel und Erde, Sterblichen und Göttern, aus der ein „Zwischen“ hervorgeht, die authentischen Aufenthaltsorte der Menschen.

 

 

Dies scheint uns allen sehr theoretisch, an der Grenze des Verständlichen, doch es scheint offensichtlich, wenn man es erleben kann, so wie Boss auf seiner Indienreise.

 

Es war auf dem Weg … als Mitreisender, dass Boss wirklich einem indischen Meister begegnen konnte. Er schloss sich ihm an auf der Strasse zum Kloster Durga, der Göttin der Zerstörung, auf dem Lande, wo er ein paar Tage mit ihm wohnte. „Wenn jemand wirklich seinen Mitmenschen helfen will, sich wirklich um sie sorgt, so muss er zuerst darüber nachdenken, was ein Mensch in seinem eigentlichen Wesen ist, wie er ist und weshalb er existiert. ”[13] Er wohnt auch in einer Höhle in der Nähe/Ferne eines Einsiedlers. All diese Erfahrungen erschliessen Zeit und Raum, so dass sie zum eigentlichen orismoV, dem Horizont werden, wo der Mensch zum Menschen wird, Da-sein.

 

 

Im vergangenen August brachte ich einen 22-jährigen Patienten, einen Studenten, nach Nepal ind er Hoffnung, ein kultureller Durchbruch könnte seinen Geist öffnen. Das Ergebnis überstieg meine wildesten Träume. Eines Tages besuchten wir den Hindutempel von Pashupatinah, ein unglaublicher Ort zwischen Himmel und Erde, Sterblichen und Göttern.

 

Am Ufer lag ein Leichnam, in ein Leichentuch gewickelt, barfuss, auf dem Rücken. Während fünfundvierzig Minuten konnten wir an einem der intimsten Rituale teilnehmen, bei dem ein Leib zu Asche wurde, ein erstaunlicher Augenblick, bei dem ich das „Sein-zum-Tode“, meine eigene Endlichkeit höchst intensiv erlebte. “ Der Verstorbene, im Unterschied zum Gestorbenen, ist von den Hinterbliebenen weggerissen worden und ist das Objekt ihrer „Sorge“ bei den Begräbnisritualen. ... In diesem Mit-dem-Toten-sein ist der Verstorbene nicht mehr tatsächlich anwesend. Doch wenn wir von „Mitsein“ sprechen, stellen wir uns immer ein Miteinander-in-der-gleichen-Welt-sein vor.”[14] Ja, tatsächlich. Obschon wir Fremde, Ausländer waren, konnten wir irgendwie die „Stimmung” teilen, so dass die Erschlossenheit geschieht … „Die Erschlossenheit des Seins kontrastiert mit der Entdeckung der Seienden.”

 

 

In Nepal mussten wir dem Toten in seiner Einfachheit entgegentreten. Während der ganzen Dauer der Rituale herrschte ein alles durchdringendes Gefühl der „Vergangenheit”, des Vergangenseins, und ein seltsames Gefühl des Zusammengehörens und der Gewesenheit, des Gewesenseins, vergangenen Lebens. Irgendwie erleben wir das „Geviert”, die gegenseitige Resonanz der Erde, des Himmels, der Sterblichen und der Göttlichen, ein Zusammenfinden wie in einer „Fuge”, die Anwesenheiten und Abwesenheiten in einer Bewegung, einem Sonatensatz zusammenfügt, ein Ereignis, das „die Beziehungen der Götter mit den Menschen zusammenfügt und die Beziehung zum Heiligen schafft.”[15] Mit Sicherheit ruft uns dieses unerwartete Erlebnis – wie viele Dinge – auf, „darüber nachzudenken, uns ihm im Denken zuzuwenden: es zu denken.”[16]

 

Was soll gedacht werden? Gerade das, was weniger gedacht wird, die Verflechtungen von Seienden mit dem Sein. Das Sein selbst als das aneignende Ereignis und dass „Dasein als Seiendes existiert für das in seinem Sein das Sein selbst ein Thema ist,“ und dass dieses Thema einer der Ecksteine der Daseinsanalyse ist. Denn es muss geleibt werden. Was soll gedacht werden? Das Denken selbst! Echtes Denken ist kontemplativ; es lässt die Dinge sein und sucht nicht danach, was wir mit ihnen tun können, wie wir sie willentlich benutzen können. Was soll gedacht werden? Die unvermeidliche Gegenwart des Nichts. Wie Aristoteles es für das Sein gezeigt hat, müssen wir uns um die verschiedenen Bedeutungen und Ebenen des „Nichts“ sorgen.

 

Da-sein bedeutet: ins Nichts hinaus gehalten werden … Indem es sich selbst hinaus ins Nichts hält, ist Dasein je bereits jenseits der Seienden als Ganzes. Dieses jenseits-der-Seienden-sein nennen wir Transzendenz.”[17]

 

Da” könnte dieses „Zwischen“ bezeichnen, das gespannt ist durch das grundlegende Zusam­menspiel von „Sein“ – „Seiende“ – „Nichts-Nihilisierung“, potentialisiert durch Trans­zendenz, was nicht mit Nihilismus verwechselt werden darf. Es verursacht ziemliche Angstzustände, in diesem „Zwischen“ zu wohnen; in den meisten Fällen entflieht der Mensch in die normalen Formen des Alltagslebens, was Heidegger die „Verfallung“ nennt, er verfällt. Es ist noch viel beängstigender, dass der Mensch unter einem Mangel an Transzendenz leidet, dem Gefühl, im Stande zu sein, über die Faktizität (feststellbare Wirklichkeit) hinaus zu gehen, wie hart auch immer die Gegebenheit sein mag.  

 

So lange man sich diesem Nachdenken verweigert, zieht man sich zurück – die jeweilige  Wahrnehmung der Welt – von der „Unverborgenheit“ die in jeder „Wahrheits“-bestimmung vorausgesetzt wird. „Nur dort, wo Unverborgenheit bereits vorherrscht, kann etwas aussprechbar, sichtbar, zeigbar, wahrnehmbar werden.”[18] Wir können unser In-der-Welt-sein nicht „verstehen“, wenn wir nicht auf diese dreifache „Offenheit“ als alhqeia eingestimmt sind. Die erste ist die Unverdecktheit, die Entdecktheit der Seienden. Wir können ein Seiendes sehen, verstehen, brauchen, weil es unverborgen ist. Das ist ein ontisches Manifestieren ... das gemäss einem stimmungsmässigen und instinktiven Sich-selbst-finden mitten unter Seienden geschieht.”[19] Dieses alltägliche sich befassen mit innerweltlichen Seienden ist die primäre, und oft die einzige, Methode, die Welt zu ent-decken. Der weitere Schritt ist die Unverborgenheit des Seins. Tatsächlich gründet die ontische Wahrheit in der ontologischen. Die Unverborgenheit des Seins impliziert die Erschlossenheit des Daseins, das sich gemäss Heidegger durch Befindlichkeit, Verstehen und Rede konstituiert, und gleichursprünglich zur Welt gehört, zum In-sein, und zum Selbst.”[20] So lange wir ein Seiendes in dem einrahmen, wozu es nützlich sein oder in unsere eigene Perspektive passen könnte, öffnen wir uns nicht für das Wesentliche dieses Seienden, das sich auf das Sein dieses Seienden und das Sein an sich bezieht. Die Erschlossenheit des Seins besteht darin, dass wir der Welt gegenüber auf bestimmte Weise befindlich sind. Von „Sein und Zeit ” bis „Der Ursprung des Kunstwerkes” überdenkt Heidegger den Raum, so dass das Werkzeug nicht mehr nur ein nützlicher Gegenstand ist. Dienlichkeit und Nützlichkeit sind jetzt in einen grösseren Kontext der Verläßlichkeit eingebracht (was die reine Dienlichkeit übertrifft, indem es zu einer Beziehung zum Unbekannten tendiert). Heidegger nennt diese neue Perspektive in der Welt „Erde”, der Schlüssel zu einem Strahlendenken, eine exzessive und grundlose Phänomenalität, ein Erscheinen, das nicht mehr an eine Trägersubstanz gebunden ist.

 

Es ist Zeit, zum dritten Sichentfalten zu springen[21], zur grundlegendsten und enigmatischen – ja sogar esoterischen – Form der Unverborgenheit, die durch die „Lichtung” gewährt wird.

 

Es wäre grossartig, wenn ich Ihnen den ganzen Text des „Welche Aufgabe dem Denken am Ende der Philosophie vorbehalten bleibt“ vorlesen könnte – einer der schwierigsten, grund­legendsten Texte Heideggers,[22] ein Text, der als gemeinsamer Pfad zum Denken verstanden wird. Es könnte ja wesentlich sein, Zeit für die „Gelassenheit” zu öffnen, „Dinge sein zu lassen”, „Gleichmut den Dingen gegenüber”, „Offenheit dem Mysterium gegenüber“, das in der technischen Welt verborgen ist; Zeit, sich von der Vorherrschaft rechnerischen Denkens loszureissen. Ist es möglich, der Lichtung ohne Selbsterschlossenheit näher zu kommen?

 

Der Heideggersche Weg bleibt ein Pfad des „Seins“ und des „Denkens“, der jeden Horizont der Verständlichkeit aufgräbt. Was vorgebracht werden muss, ist der „Ort“ wo der Gedanke „Sein“ denken kann, ein Übergang vom spekulativen Denken zum Weg des Denkens. Dieser Ort ist kein geographischer Ort und wird gelebt als „Offenheit, die Mögliches erscheinen lässt und „Lichtung“ zeigt, ein „freier Raum, eine freie Lichtung, was das Denken als Urphänomen ist, als prima mater (Ursache).”[23] Lichtung hat nichts mit Licht zu tun, obschon „Licht in die Lichtung, in deren Offenheit strömen kann und die Helligkeit mit der Dunkelheit darin spielen lässt … Licht schafft nie zuerst die Lichtung. Doch dieser offene Bereich ist frei für Helligkeit und Dunkelheit, für Resonanz und Echo, für Klang und verhallenden Klang.”[24] Könnten wir vielleicht behaupten, dass dieser Ort zur Meditation, dem meditativen Menschen gehört? Ein Ort als Im-Zwischen, wo Unverborgenheit möglich wird, „ein Ort der Stille, der in sich selbst sammelt, was zuerst Unverborgenheit beschert ... Das stille Herz der Lichtung ist der Ort der Stille aus dem alleine sich die Möglichkeit des Zusammengehörens von Sein und Denken ergibt, das heisst, es überhaupt zu Gegenwart und Erfassen kommen kann.”[25]

 

Was ich damit untermauern möchte, ist, dass der Heideggersche Weg des Denkens über „Sein und Zeit“ hinaus die Grundlagen des Menschseins derart tief ergründet, dass der eingeweihte Therapeut eine gewandelte Perspektive erlebt, die sein Verständnis der Psychotherapie oder Medizin grundlegend verändert. Um Daseinsanalytiker zu werden, ist nicht nur eine neue Ausbildung erforderlich, die einem neue Instrumente oder Konzepte vermittelt, sondern auch eine neue Grundlage für den allgemeinen Hintergrund (Medizin, Psychologie, ...). Wenn Medard Boss schreibt: „In Heideggers Daseinsanalytik  bezieht sich das Wohnen auf die menschliche Existenz als Wohnen-in-der-Welt, was etwas ganz anderes ist als eine materielle Anwesenheit. Es ist vielmehr des Menschen ek-statisches Verweilen, sein Existieren in der Offenheit eines gelichteten irdischen Bereichs.”[26], es ist mehr als ein Anspruch; der Mensch teilt einen der Schritte, der ihn dazu bringt zu verstehen, dass jede organische Krankheit das In-der-Welt-sein des Patienten schwächen kann, oder dass „die traditionellen somato- und psychopathologischen Erklärungen keinen Zugang zur menschlichen Existenz als Bereich der Welt-Offenheit erhalten können.”[27]

 

Die Begegnung mit Heidegger oder seine Indienreise verändern das Leben von Medard Boss, seine Denk- und Arbeitsweise und sein Verständnis. Jene existentiellen Ereignisse sind entscheidend wichtig für die Menschen, die durch die Daseinsanalyse leiben wollen.

 

Was ich entfalten möchte, ist dass die Daseinsanalyse als Psychotherapie bedeutet, dass man das Leben erfährt, dass man denkt, dass man auf einem nie endenden Weg zur alhqeia als Unverborgenheit geht, was eine Verflechtung von Jemeinigkeit und  Miteinandersein bedeutet, von Stille und Gesprächen, von einer Konstitution des Sinns und epoch[28], von Licht und Dunkelheit. Man kann es nicht als irgend einer tun, ein „Bossianer“ oder Binswangerianer werden; es gibt keine Methode, es zu tun. Jeder Daseinsanalytiker eröffnet einen einzigartigen, dynamischen und historischen Therapiehorizont wo eine „Begegnung“ möglich ist. Heute, 35 Jahre nach meiner ersten Lektüre von Sein und Zeit, stellt meine Praxis  jenes grundlegende, existentielle Wechselspiel der Menschheit von „Sein“ – „Seienden“ – „Nichts-Nihilation“  potentialisiert durch Transzendenz in Frage[29]. Transzen­denz ist unsere Fähigkeit, über das, was uns gegeben wird hinaus zu gehen, als Substantialiät, die uns von dem, was wir sind, entfernt, insbesondere dem, das wir nicht sind zu dem, was wir sein müssen. Die Transzendenz reisst uns aus dem Alltagsleben weg, um uns ins Unbekannte zu werfen, ins „Wo“ der Ermöglichung. Durch die Transzendenz, die eine Resonanz mit dem Geviert beinhaltet, harmonisiert das Da-sein diese dreifache, unvermeidbare Sorge. In Französisch nenne ich diesen offenen Lebensstil „l’entre-trois existential” was sich nicht ins Englische übersetzen lässt (Deutsch vielleicht: „das existentiale zwischen dreien“). Ein Verlust des Gleichgewichts schliesst den Menschen in einem von den dreien ein, wodurch Leiden entsteht und eine veränderte Beziehung unseres In-der-Welt-seins. Zum Beispiel: Käuflichkeit (Seiende), Mystik (Sein) oder Nihilismus, Depression (Nichts-Nihilierung). Heute verstehe ich die Daseinsanalyse als einen Ort, einen freien Raum, wo der Patient durch eine Begegnung und einen echten Dialog[30], diese dreifache Sorge, sein Leben ins Gleichgewicht bringen kann. Durch die richtige Frage, die erschliesst, offenlegt, kommt der Dialog von selbst in Gang, er gewinnt Autonomie. Das Gespräch ist eine Art des Mit-seins, des Miteinander-seins, die vollständig anders ist, als der Dialog, der durch reine Kommunikation erstellt wird. Das Fragen zielt auf keine Information ab. Statt dessen stellt die Frage den Befragten selbst in Frage. Der Fragende und der Befragte gehört zu einer Gemeinsamkeit aus der heraus die Frage gestellt wird. Dieses innerste intime Wechselspiel von Fragen und Antworten erfordert Stille, Offenheit, Zuhören, Verständnis, Gestimmtheit. Der Dialog ist der Zeuge des Miteinander-seins, er nimmt teil an der Erschlossenheit des Da-seins, Erschlossenheit, „die der ontologische Terminus ist für das Gelichtet- und Geklärtsein des Daseins in sich selbst ... eine grundlegende Offenheit.”[31]

 

Die Wirkung von Heideggers Denken auf die Psychotherapie – jedenfalls für jene, die sich in die Gedanken des Philosophen vertiefen – ist derart abgründig, dass ein Leben nicht ausreicht, dessen Reichtum zu erforschen. In dieser Zeit des Zerfalls und der Verzweiflung ist Heideggers Weg nötiger denn je, und dies umso mehr als unsere Zeit die Frage des Seins nicht mehr stellt und die Menschheit in den Illusionen der Seienden ohne jedes Gleichgewicht  lässt.

 

Wir müssen beide Seiten des modernen Denkens betrachten – auf der einen Seite die konkrete, affektive Seite des empfundenen Erlebens, eine prälogische, präkonzeptuelle Erfahrung, und andererseits die andere: Pragmatismus, Positivismus, logische und empirische Anforderungen der Wissenschaft und des Sinns – ohne sie notwendigerweise als Gegensätze einander gegenüber zu stellen, sondern zu versuchen, sie zu harmonisieren, um eine Art von „transzendentalem Gedritt-Zwischen“ hervorzubringen.

 

Es war der Zweck dieses Vortrags, die Tiefe der Wirkung von Heideggers Denken zu entfalten, und auf dem Weg kann der Therapeut den Kern, das Wesentliche seiner Praxis verstehen. Da-sein als In-der-Welt-sein lässt sich nicht auf ein Konzept, eine Formel oder einen Slogan reduzieren. Man muss darüber nachdenken, was „Raum ”[32] bedeutet, man muss diesen Raum spüren, was einen Bereich öffnet, um Leiber willkommen zu heissen[33], spüren, dass eine Grenze ‚nicht nur Umriss und Rahmen ist, nicht nur das, womit etwas aufhört. Grenze bedeutet, dass etwas in seine Eigenständigkeit gesammelt wird, um aus sich heraus in seiner Fülle herauszutreten, um in die Anwesenheit hervorzutreten. Die Grenze gibt das Ding endlos an die Welt.”[34] Wenn man die „Grenze“ als „Ende“ versteht, eröffnet man nicht die gleichen Möglichkeiten wie wenn man sie als Beginn versteht. Durch diese „enigmatische Beziehung treten wir ein in die Welt, in den Raum, die Erde, ein Bildwerk, dass man fühlt, dass etwas als Nahesein[35] oder Intimität geschieht, trotz des „anders-seins“, etwas wie „Leiblichkeit”, Leiblichkeit trotz Anwesenheit von Körpern, etwas wie „eine Begegnung“, trotz der Notwendigkeit einer Diagnose und herkömmlicher Behandlungm die statistische Ergebnisse hervorbringen.

 

Auf dem Weg mit Heidegger erwarten wir nicht, dass jeder Therapeut ein Philosoph wird, doch sollte er zumindest versuchen, über seine wissenschaftliche Ausbildung nachzu­denken, damit er „die technische Konstruktion des Menschen als Maschine“ entwirren (enträtseln) kann.”[36]

 

                                          


 



[1] : Alfred DENKER, Historical Dictionary of Heidegger’s philosophy, Scarecrow Press, 2000

[2] : Hannah ARENDT, Essays in Understanding 1930-1954, Kindle.

[3] : Martin HEIDEGGER, Being and Time, 1927, Blackwell, Translation Macquarrie & Robinson, 1962  S.406  „Das Dasein existiert als ein Seiendes, dem es in seinem Sein um dieses selbst geht.“

[4] : Martin HEIDEGGER, The question concerning technology, 1954, in Basic Writings, Harper Perennial, 2008, S. 318, 333 und 328.

[5] : Ibidem, S.335

[6] : J. PATOČKA, Heretical essays in the philosophy of History, Chicago and La Salle, Illinois, Open Court, 1996.

[7] : Martin HEIDEGGER, Modern Science, Metaphysics, and mathematics, 1962  in Basic Writings, Harper Perennial, 2008, S.272

[8] : Medard BOSS, Un psychiatre en Inde, Fayard, 1971, S. 113  Persönliche Übersetzung

[9] : “Mythos and logos become separated and opposed only at the point where neither mythos nor logos can keep to its pristine essence… “Martin Heidegger,  What calls for thinking ?, in Basic Writings, Harper Perennial, 2008, S. 374

[10] : Martin HEIDEGGER, Contributions to Philosophy (Of the Event), p.7 « The leap leaps into the abyss of the fissure and so for the first time attains the necessity of grounding Da-sein, which is assigned out of being”.

[11] : Ibidem, p. 7

[12] : Martin HEIDEGGER,  Building, Dwelling, Thinking, 1951,  in Basic Writings, Harper Perennial, 2008, p. 351

[13] : Medard BOSS, Op.cit., S. 136

[14] : Martin HEIDEGGER, Being and Time, Op.Cit., S. 282 ( 239)

[15] : Daniel O. DAHLSTROM,  The Heidegger Dictionary, 19, 2013, Bloomsbury Ed., Kindle,  -   Fit ( Fuge)

[16] : Martin HEIDEGGER,  What calls for thinking ?, in Basic Writings, Harper Perennial, 2008, S. 372

[17] : Martin HEIDEGGER, What is Metaphysics, in Basic Writings, Harper Perennial, 2008, S. 103

[18] : Mark. A. WRATHALL, Heidegger and Unconcealment : Truth, Language, and History, Cambridge, 2011 S. 7

[19] : Martin HEIDEGGER, Pathmarks, McNeill Ed, Cambridge University Press, 1998, S. 131

[20] : Martin HEIDEGGER, Being and Time, Op.Cit., S. 221

[21] : “ Leap” : The leap into that primordial experience leaps past talk of the “ontological difference”, “conditions of the possibility” and “transcendence” into the appropriation of Dasein which is the relation of Dasein and historical being.  Daniel O.DAHLSTROM, Op.Cit.

[22] : Martin HEIDEGGER, “Das Ende der Philosophie und die Aufgabe des Denkens” in On Time and Being (Pathmarks) or in “ Zur Sache des Denkens”. You can find it too in the Basic Writings, Op. Cit. S.431-449

[23] : Ibidem, S. 441-442

[24] : Ibid., S.442

[25] : Ibid, S. 445

[26] : Medard BOSS, Existential foundations of medicine & psychology , 1974 Jason Aronson Ed., 1994  S.130

[27] : Ibidem, S. 198

[28] : « We could now let the universal epochè take the place of the Cartesian attempt to doubt. Epochè in a word : We put out of action the general positing which belongs to the essence of the natural attitude, the whole natural world which is continually “there for us”, “on hand”… I’m not negating the world, I’m not doubting, rather I am exercising the phenomenological epochè which also completely shuts me off from any judgment about spatiotemporal factual being.” Edmund HUSSERL, Ideas I, 52-61 in Basic Writings in transcendantal phenomenology, Donn Welton Ed, Indiana University Press, 1999, p.65

[29] : “ Transcendence as being in itself is the difference from beings ! Transcendence is not a property of the subject ans of its relationship to an object as world, but the relationschip to being, thus of Da-sein in its relationship to being.” Martin HEIDEGGER, Zollikon Seminars, 1987, Northwestern University Press, 2001, p. 193 (241)

[30] : Heinrich ROMBACH, Uber Ursprung und Wesen der Frage“, Verlag Karl Alber, Freiburg – München, 1988, p.162-167

[31] : Alfred DENKER, Op.Cit., p.81

[32] : “ The human being makes space for himself. He allows space to be… the animal does not experience space as space.”  Martin HEIDEGGER, Zollikon Seminars, Op.cit., p.16

[33] : “Da-sein is not spatial because it is embodied. But its bodiliness is possible only because Da-sein is spatial in the sense of making room.” Ibidem, p. 81

[34] : Martin HEIDEGGER in « Heidegger among the sculptors, Body, Space and the Art of Dwelling », Andrew J. MITCHELL, Standford University Press, 2010 - Kindle or “ Remarques sur Art – Sculpture – Espace”, Rivage Poche, 2007, p.19

[35] : « I measure the distance between two bodies, not the depth opened up in each case by my being-in-the-world.” Martin HEIDEGGER, Zollikon Seminars, Op.Cit., p.82

[36] : Ibidem, p. 135